60 Jahre HBL
60 Jahre Handball-Bundesliga: Die große Ära und der Macher des TuSEM Essen

Fotos: Horstmüller
Die große Ära des TuSEM Essen, dreimaliger Meister in den 1980er Jahren, steht eng in Verbindung mit seinem ehrgeizigen Manager Klaus Schorn.
An alle Eventualitäten denken. Diesem Motto blieb Klaus Schorn auch im Moment des größten Triumphes treu. Während 7.000 Zuschauer am 19. Mai 1986 auf den Rängen der Grugahalle schon die erste Deutsche Meisterschaft für TuSEM Essen feierten, weil nach dem 29:14-Sieg gegen den THW Kiel bei sechs Punkten und 40 Toren Vorsprung der Titel nur noch Formsache war, hielt sich der Manager zurück. „Stellen Sie sich nur mal vor“, unkte Schorn, „die Mannschaft verunglückt morgen. Was dann?“
Glücklicherweise bestätigte sich dunkle Ahnung nicht, so dass nach dem folgenden 17:17-Auswärtsremis in Lemgo auch der Abteilungsleiter des Vereins den Champagner entkorken und ausgelassen feiern konnte. Für den 1934 in Essen geborenen Schorn war es die Krönung seines Schaffens. Er hatte schon als 14-Jähriger als Jugendwart amtiert und hatte, nach dem der TuSEM in der Saison 1973/74 bereits Bundesliga gespielt hatte, 1976 die Handballabteilung übernommen und damit neue Ära eingeleitet.
In den 1980er Jahren, als der Handball sich zu einer professionellen Sportart aufmachte, aber formal noch olympischer Amateursport war, gab es viele selbstbewusste Mäzene und Manager in der Bundesliga. Da war Bodo Ströhmann, der Marmorhändler aus Wallau, da war Rudi Hartz, der Unternehmer aus dem saarländischen Niederwürzbach, und da war auch Urs Zondler, der egozentrische Gastronom aus München, der den MTSV Schwabing promotete.
Aber Schorn war der sportlich erfolgreichste aus dieser schillernden Manager-Galerie. In der Zentrale des Lebensmittelkonzerns Edeka brachte er es zum Direktor und Vorstandschef, er managte dort rund 2.000 Mitarbeitende. Und die Prinzipien aus seinem Job übertrug er auf den TuSEM e.V. „Ein Verein wie unserer muss wie ein Unternehmen geführt, geplant und kostendeckend finanziert werden“, sagte Schorn.
Als Abteilungsleiter bewies er ein gutes Händchen für den richtigen Trainer. Hans-Dieter Schmitz führte den TuSEM 1979 in die Bundesliga und rettete den Verein dann in der Saison 1982/83 auch vor dem Abstieg. Danach begann der sagenhafte Aufstieg des Vereins, obwohl er in Essen mit Rot-Weiß große Fußball-Konkurrenz besaß. Viele Spielerverpflichtungen, die Schorn tätigte, waren Volltreffer. So wie im Fall Alfred Gislasons, der 1983 kam.

Lief fünf Jahre für Essen auf: Alfred Gislason (1988)
Gislason wurde dann ein wichtiger Teil des Essener Prunkstücks, der Defensive, in der Männer wie Piet Krebs, Thomas Happe und Wolfgang Kubitzki mit einer spektakulär eingespielten 3:2:1-Deckung den Gegnern die Luft zum Atmen nahmen. 1986 nannte der Kieler Linksaußen Uwe Schwenker dieses Bollwerk „die beste Abwehr Europas“. Denn wenn doch mal ein Angreifer durchkam, dann stand da noch Supertorhüter Stefan Hecker. Im Angriff brillierten Künstler wie Kreisläufer Dirk Rauin und Linksaußen Jochen „Scholle“ Fraatz.
Damals habe einfach alles gepasst, sagt Abwehrspezialist Krebs: der Mix in der Mannschaft, der kluge Manager Schorn, der seiner Zeit voraus war beim Ticketing, in den Anfängen des Merchandisings und vor allem bei der Personalplanung und beim Sponsoring. Wichtig war auch die Nähe zu den Fans, die damals mit 3.500 Zuschauern pro Spiel für den zweithöchsten Besuch in der Liga sorgten – und den Handball in der Großstadt salonfähig machten. Volksnah blieben sie trotzdem, sagt Krebs. Nach Schlusspfiff „runterzugehen zum großen Bierstand, wo es auch schon die ersten Merchandising-Artikel gab, und dann mit den Fans lecker Frischgezapftes zu trinken, war auch das, was das Ruhrgebiet ausmacht.“
„Der Mann, der Soll und Haben richtig einordnen kann“ (Handballwoche), führte TuSEM noch zu zwei weiteren Meistertiteln (1987, 1989), zu drei Pokalsiegen (1988, 1991, 1992) und zum Europapokal der Pokalsieger 1989. Dann aber überholte die Zeit selbst Schorn, den Mann mit dem Hang zu Aphorismen („Aus Steinen, die in den Weg gelegt werden, baut sich der Tüchtige die Treppe zum Erfolg“). Der Lizenzentzug im Jahr 2005 traf Schorn bis ins Mark.
Bis zu seinem Tod 2023 besuchte er nie wieder ein Heimspiel des TuSEM. Aber manchmal kam er zu den Stammtischen, zu denen sich alte Heroen wie Krebs, Hecker oder Frank Ahrens trafen. Dann legte er einen 100 Euro-Schein auf den Tisch, um die ersten Runden zu bezahlen. Und hörte mit sichtlicher Freude den Geschichten aus den großen Zeiten seines TuSEM zu.













