60 Jahre HBL
60 Jahre HBL: Rekord-MVP Andy Schmid – Das Leben ist eine Baustelle

Foto: Binder
Regisseur Andy Schmid führte die Rhein-Neckar Löwen 2016 und 2017 zu zwei Meisterschaften. Dabei war sein Start in Mannheim harzig – und er hatte wie seine Kollegen das Trauma von 2014 zu verarbeiten.
In dem Moment, in dem der Traum in Erfüllung gegangen ist, sitzt Andy Schmid weinend an einer Baustelle. Während Patrick Groetzki, Uwe Gensheimer & Co. nach dem 35:23-Sieg beim TuS N-Lübbecke am 5. Juni 2016 enthusiastisch die erste Deutsche Meisterschaft der Rhein-Neckar Löwen zelebrieren, flüchtet ihr Regisseur aus der Kreissporthalle, um mit seiner Frau zu telefonieren.
Sie reden nicht viel. Stattdessen fließen beim Profi zwischen Baugerüst und Absperrband die Tränen. „Von mir ist solch ein Druck abgefallen“, erinnerte sich Schmid, als er 2022 auf seine Karriere zurückblickte. „Für mich wäre es schwer zu akzeptieren, die Löwen ohne eine Deutsche Meisterschaft zu verlassen.“ Genau dieses Szenario hatte 2016, zwei Wochen vor Lübbecke, in Wetzlar noch gedroht.
Da lagen die Löwen am drittletzten Spieltag jener Serie in der zweiten Halbzeit zurück. Damit lief das Team Gefahr, erneut ein Trauma wie in der Saison 2013/14 zu erleiden, als sie am letzten Spieltag im Fernduell mit dem THW Kiel hauchdünn den Titel verpassten – am Ende fehlten nur zwei mickrige Tore. Nun war die Angst vor dem Scheitern erneut greifbar. Schmid, der Regisseur wirkte wie gehemmt und ließ auf der Bank den Kopf hängen, als sein Trainer Nikolaj Jacobsen zu ihm kam und ihm den Kopf wusch: „Wie wäre es“, brüllte er, „wenn Du jetzt endlich Handball spielst?“
Er begann dann doch zu spielen. Und wie: Schmid warf sieben der letzten neun Löwen-Tore und führte sein Team zu dem eminent wichtigen 23:19-Auswärtssieg, Jacobsen lächelte breit, als Schmid in der letzten Minute den letzten Treffer erzielt hatte. Diese spektakuläre Leistungssteigerung des Leaders war die Basis für den ersten Meistertitel der Mannheimer. Nach Abpfiff adelte der dänische Coach seinen Spielmacher: „Wenn es eng wird, trägt Andy die ganze Mannschaft auf seinem Rücken.“

Andy Schmid feierte mit den Rhein-Neckar Löwen 2017 die zweite Deutsche Meisterschaft. Foto: Binder
Bis dahin galt die Karriere des hochveranlagten Schweizers als unvollendet. Als Schmid 2010 aus Silkeborg ins Badische wechselte, war er nach einer guten ersten Serie in eine tiefe Krise gerutscht. Der Club empfahl ihm, da Schmid kaum spielte, schon einen Wechsel. Aber dann führte Schmid die Löwen 2013 zum Sieg im EHF-Pokal, dem ersten Titel der Vereinsgeschichte und spielte in der Folge derart überragend auf der Spielmacherposition, dass er von 2014 bis 2018 fünfmal in Folge (!) zum besten Profi in der besten Liga gewählt wurde.
Nach dem Meistertitel 2016 herrschte der Schweizer mit seiner Torgefahr und Spielintelligenz über die Bundesliga wie kein anderer Profi – und das, obwohl die Neufassung der Regeln im Sommer 2016 das Spiel tiefgreifend veränderte hatte, da nun ein siebter Feldspieler leichter einzuwechseln war. Am 31. Spieltag der Serie 2016/17 führte er, der überragende Stratege, im Auswärtsspiel in Flensburg die Entscheidung herbei, indem er das Spiel Sieben gegen Sechs wie auf dem Reißbrett plante und dirigierte und notfalls selbst die Tore erzielte. So wie 24 Sekunden vor der Schlusssirene, als er zum 23:21 einwarf und damit die Meisterschaft entschied.
Schmid sei „einer der größten Handballer in der Geschichte der Bundesliga“, würdigte ihn später Thorsten Storm, der Manager der Löwen, und hob die Bedeutung des Schweizers für die Clubgeschichte hervor: „Er ist der wichtigste Spieler, der jemals das Trikot der Löwen getragen hat. Niemand hat das Spiel dieser Mannschaft mehr geprägt als Andy.“ „Er war die Schlüsselfigur für unsere Erfolge“, urteilt sein langjähriger Weggefährte Patrick Groetzki, der seit 2007 bei den Mannheimern spielte und mit Schmid 2018 auch das ewige Final4-Trauma im DHB-Pokal überwand.
Schmid, der die Löwen 2022 nach zwölf Jahren gen Heimat verließ, erklärte seine großen Triumphe mit den Löwen auch mit den Lehren, die er aus seiner Krise und dem epischen Meisterschaftsduell 2014 gezogen habe. „Diese Momente gehören genauso zu meiner Karriere wie die größten Erfolge. Ich spreche auch darüber. Denn diese Rückschläge haben mich und die Löwen stärker gemacht, davon bin ich überzeugt.“ Insofern war der Ort, an dem Schmid am 5. Juni 2016 den ersten Meistertitel beweinte, eine passende Metapher: Das Leben ist eine Baustelle.












