27.06.2022  HBL

ÜberZahl – Die Zahlenkolumne: Warum der SC Magdeburg Deutscher Meister wurde

Mit nur vier Minuspunkten wurde der SC Magdeburg das erste Mal nach 21 Jahren Deutscher Meister. In der neuen Ausgabe von „ÜberZahl“ analysiert Datenjournalist Julian Rux, warum aus seiner Sicht diese Meisterschaft der Beweis ist, dass im Handball nicht zwingend das größte Budget über Titel entscheidet, sondern eine klare Philosophie und eine auf Effizienz basierende Spielphilosophie noch wichtiger sind.

Gute Verteidigung mit Verbesserungspotential

Blickt man auf die Statistiken, ist der SCM natürlich absolut verdient deutscher Meister geworden, auch wenn ihnen der THW Kiel statisch näher auf den Fersen war, als es in der Tabelle den Anschein macht. Mit 31,2 Toren pro 50 Ballbesitze stellten die Magdeburger den besten Angriff der LIQUI MOLY HBL. Auf der anderen Seite lagen sie mit 25,9 Gegentoren pro 50 Ballbesitzen praktisch gleichauf mit dem THW Kiel auf dem zweiten Platz der besten Defensiven.

Defensiv besser war nur die SG Flensburg-Handewitt, da sie sich auf deutlich stärkere Torhüter verlassen konnte. Benjamin Buric und Kevin Møller waren klar das beste Torhüter-Duo und ließen mit ihrer Abwehr die mit 55,0 % klar niedrigste gegnerische Wurfquote zu. Eine bessere Paradenquote als Møllers 37,2 % hatte in den letzten fünf Spielzeiten nur Andreas Palicka 2017/18 mit 37,5 %.

Beim SCM lag die gegnerische Wurfquote bei lediglich 61,3 % (Rang 7). Sie hatten deutlich weniger Rückhalt von ihren Torhütern. Jannick Green kam in der abgelaufenen Spielzeit auf nur 26,0 % gehaltene Bälle (Rang 21), den schlechtesten Wert seiner Karriere in der „stärksten Liga der Welt“. Mike Jensen war mit einer Paradenquote von 31,0 % immerhin der sechstbeste Torhüter.

Herausragend war die Defensive von Bennet Wiegerts Team aber dabei gegnerische Ballverluste zu erzwingen. 10,9 gegnerische Ballverluste pro 50 Ballbesitze war der Bestwert der Liga.

Insgesamt war die Defensive nur minimal besser als im Vorjahr, wo sie auf 26,2 Gegentore pro 50 Ballbesitze kamen. Die entscheidende Verbesserung, die den Meistertitel brachte, war hingegen im Angriff.

Herausragend guter Angriff

Die 31,2 erzielten Tore pro 50 Ballbesitze der Sachsen-Anhaltiner sind eine Verbesserung um 1,5 im Vergleich zum Vorjahr. Einen besseren Angriff hatte in den vergangenen fünf Spielzeiten nur der THW Kiel 2020/21.

Der SCM war in der abgelaufenen Saison gut darin auf den Ball aufzupassen. Mit 7,6 Ballverlusten pro 50 Ballbesitzen waren sie hier nach dem THW Kiel die zweitbeste Mannschaft.

Absolut herausragend war jedoch die Wurfquote. Mit 69,6 % hatten sie mit drei Prozentpunkten Abstand auf Flensburg die beste Trefferquote der Liga. In den vergangenen fünf Jahren (und mit großer Wahrscheinlichkeit aller Zeiten) war nur die Wurfquote der Magdeburger selbst in der Saison 2020/21 67,8 % annähernd so gut.

Der Grund für diese Fabelwerte ist die Spielphilosophie und Teamzusammensetzung von Trainer und Geschäftsführer Sport Bennet Wiegert. Spätestens mit der abgelaufenen Saison hat sein Team gezeigt, dass im Rückraum eben nicht nur fernwurfstarke Hünen benötigt werden, sondern überragende Isolationsspieler wie Gísli Kristjánsson und Ómar Ingi Magnússon, die für sich und ihre Mitspieler aus statistischer Sicht qualitativ hochwertigere Abschlussmöglichkeiten kreieren, wichtiger sind.

So war der SCM nicht nur das Team mit der kürzesten durchschnittlichen Wurfdistanz sondern gehörte auch wie schon in den letzten Jahren zu den Teams mit den wenigsten Rückraumwürfen. Lediglich 20,4% ihrer Abschlüsse – noch einmal weniger als in den Vorjahren - kamen auf der Distanz. Leidglich bei FRISCH AUF! Göppingen war dieser Anteil mit 19,1% noch leicht geringer.

Von jeder Wurfposition – bis auf den Siebenmeter – sind die Trefferquoten des SCM überdurchschnittlich. Indem sie dazu aufgrund ihres Spielstils so wenig aus der Distanz, wo die durchschnittliche Erfolgsquote deutlich geringer ist als von den anderen Positionen, abschließen, kommt die überragende gesamte Wurfquote zustande.

Auch wenn natürlich ein Einzelspieler wie Magnusson mit seinen vielen Toren etwas herausstechen, liegt seine hohe Trefferzahl natürlich auch daran, dass er als Rückraumspieler erster Siebenmeterschütze seines Teams ist. Insgesamt sticht sonst kaum jemand aus dem Team heraus, was ein Zeichen für das ausgeglichen gut besetzte Team ist, das in Wiegerts Philosophie perfekt funktioniert.

Weniger Tempo

Der SCM unter Wiegert steht eigentlich nicht nur für „Zwergenhandball“, sondern auch für Tempohandball. In der Saison 2017/18 waren sie mit 52,9 Ballbesitzen pro Spiel auch noch das Team mit den klar schnellsten Spielen der LIQUI MOLY HBL. Seither geht dieser Wert Jahr für Jahr zurück. In der abgelaufenen Saison kamen sie nur noch auf 50,2, was minimal über dem Ligadurchschnitt liegt.

Während die Magdeburger wie zuvor erwähnt weiterhin sehr gerne den Gegenstoß laufen, ist sonst zu beobachten, dass ihre eigenen Angriffe durchschnittlich etwas länger wurden. Bei der hohen Belastung ist dies auch kein Wunder. Mit durchschnittlich 33,2 Sekunden pro eigenem Ballbesitz dauern ihre Angriffe aber immer noch nur am fünftkürzesten.

Für den Rückgang der Ballbesitze sind jedoch auch besonders die Gegner der Magdeburger verantwortlich. Sie benötigen 35,3 Sekunden im Durchschnitt pro gegnerischem Ballbesitz (Rang 15).

Bedingungsloses Tempospiel ist also nicht zwingend notwendig für den großen Wurf. Der Spielstil von Bennet Wiegert - besonders im Angriff - hat aber eindeutig gezeigt, dass nicht unbedingt das absolute Top-Budget benötigt wird, um am Ende auf dem Rathausbalkon den Meistertitel feiern zu dürfen.

Julian Rux ist Datenanalyst und Datenjournalist. Auf seinem Blog Handballytics.de analysiert er aus neuen, datenbasierten Blickwinkeln alle möglichen Themen rund um den Handball. Ihr findet ihn auch auf InstagramFacebook und Twitter.