23.11.2022  HBL

ÜberZahl - Die Zahlenkolumne: Die Auswirkungen der neuen Regeln

Als letztmals die Anwurf-Regeln im Handball angepasst wurden, wurde das Spiel deutlich schneller und die Schnelle Mitte entstand. In der neuen Ausgabe von „ÜberZahl“ analysiert Datenanalyst Julian Rux wie sich das Spiel durch die Regeländerungen vor Saisonbeginn verändert hat. Es zeigen sich schon jetzt deutliche Auswirkungen, selbst der Torrekord rückt wieder in greifbare Nähe.

Seit Einführung der eingleisigen Handball-Bundesliga 1977 ist die Anzahl der Tore beinahe Jahr für Jahr angestiegen. Zum einen wurde das Spiel immer effizienter, zum anderen aber auch immer schneller, sodass es deutlich mehr Ballbesitze gab. Letzteres besonders auch begünstigt durch Regeländerungen wie die Anpassung der Anwurf-Regel 1997 und 2001, die zur Entstehung der Schnellen Mitte führte.

Die Folgen des Einzugs der Schnellen Mitte wurden von Jahr zu Jahr größer. Beinahe wurde sogar pro Spiel die 60-Tore-Marke geknackt. Die bisherige Rekord-Saison war 2006/07 mit 59,3 Toren pro Spiel. Da die Teams immer besser gegen die Schnelle Mitte verteidigten wurde das Spiel in den Jahren danach wieder etwas langsamer und auch die Anzahl der Tore pro Spiel ging zurück.

Anwurfkreis und Zeitspiel: Das Spiel wird wieder schneller

Dieser Tend ist seit dieser Saison vorbei! In der aktuellen Spielzeit wurden nämlich bisher durchschnittlich 57,7 Tore pro Spiel erzielt. Das sind drei Treffer mehr als im Vorjahr und gleichzeitig der höchste Wert seit 2008/09.

Wie bereits seit Anfang der 2000er sind es erneut vor allem Regeländerungen, die für den Anstieg verantwortlich sind. Vor der aktuellen Saison wurde ein Anwurf-Kreis eingeführt, sodass der Anwurf nicht mehr von der Mittellinie ausgeführt werden muss, sondern im gesamten Kreis gestanden werden kann. Zum anderen sind bei angezeigtem Vorwarnzeichen für passives Spiel nur noch vier anstatt sechs Pässe erlaubt.

Die Auswirkungen dieser beiden Regeländerungen auf die Schnelligkeit des Spiels sind deutlich zu merken. Die Schnelligkeit eines Spiels kann einfach durch die durchschnittliche Anzahl der Ballbesitze der Teams bestimmt werden.

Diese Kennzahl, die oftmals auch als „Pace“ bezeichnet wird, zählt als Ballbesitz die gesamte Zeit bis die gegnerische Mannschaft wiederum den Ballbesitz erlangt. Ein Ballbesitz kann also mehrere Würfe enthalten, wenn beispielsweise nach einem Fehlwurf der Abpraller zurück zum angreifenden Team springt. Entsprechend kann die Anzahl der Ballbesitze in einem Spiel zwischen den beiden Teams maximal um einen abweichen.

In den letzten fünf Spielzeiten gab es durchschnittlich pro Team zwischen 49,1 und 50,6 Ballbesitze. In der aktuellen Spielzeit sind es 54,0. Gegenüber dem Vorjahr ist dies eine Steigerung um 7,8 Prozent.

Tatsächlich ist diese Entwicklung auch hauptverantwortlich für die deutliche Steigerung der Tore pro Spiel. Denn die Effizienzwerte sind bisher etwas niedriger als in der Vorsaison. Damals wurden durchschnittlich 27,3 Tore pro 50 Ballbesitze erzielt, aktuell sind es 26,7. Wäre die Effizienz in der laufenden Spielzeit auf Vorjahresniveau, würden es aktuell sogar 59,0 Tore pro Spiel erzielt und der Tore-Rekord wäre in Reichweite.

Besonders die Spiele von Erlangen und Minden sind deutlich schneller

Betrachtet man die Teams einzeln, so fällt direkt auf, dass alle 16 Teams die bereits in der vergangenen Spielzeit in der LIQUI MOLY HBL gespielt haben, mehr Ballbesitze als in der vergangenen Saison erreichen. Ein weiteres klares Zeichen, dass die Veränderung an den Regeländerungen und nicht an einzelnen taktischen Entwicklungen liegt.

Besonders auffällig: Erlangen und Minden

Die deutlichsten Steigerungen gibt es beim HC Erlangen und bei GWD Minden. Die Franken waren in der vergangenen Spielzeit das Team mit den langsamsten Spielen. Lediglich 48,2 Ballbesitze hatten sie pro Spiel.

Doch bereits nach dem Trainerwechsel von Michael Haaß zu Raul Alonso war eine deutliche Steigerung zu sehen. Unter Haas hatten sie noch lediglich 46,8 Ballbesitze pro Spiel, unter Alonso waren es bereits 49,9. Die deutliche Steigerung auf 55,2 (Rang 5) ist also ein Zusammenspiel der allgemeinen Entwicklung und Alonsos Philosophie.

Bei GWD Minden, deren Spiele momentan die schnellsten der LIQUI MOLY HBL sind, ist auffällig, dass ihre Gegner mit 29.2 Sekunden pro Ballbesitz die kürzesten Angriffe haben. Gleichzeitig sind sie nach dem SC Magdeburg das Team, das die zweitmeisten Ballverluste erzwingt (10,9 pro 50 Ballbesitze). Auch dies ist eine enorme Steigerung. Letzte Saison waren sie hier mit 8,4 gegnerischen technischen Fehlern pro 50 Ballbesitze noch das zweitharmloseste Team.

Dass die Verteidigung von Frank Carstens Mannschaft in der laufenden Spielzeit also deutlich aggressiver auf Ballgewinne geht, beeinflusst ihre Spielgeschwindigkeit ebenfalls. Denn hierdurch schaffen sie es relativ schnell den Gegner entweder zu Ballverlusten zu zwingen oder erlauben relativ schnelle Abschlüsse.

Geht die Entwicklung noch weiter?

Trotz der bereits deutlichen Entwicklung ist es gut möglich, dass dies erst der Anfang ist und das Spiel noch schneller wird. Denn auch die Entwicklungen durch die Schnelle Mitte waren nicht unmittelbar nach Einführung der neuen Regeln 1997 und 2001 erkennbar, sondern die taktische Entwicklung und Anpassung an die neuen Gegebenheiten brauchte etwas Zeit.

Der Tor-Rekord aus der Saison 2006/07 könnte also bald fallen. Auch die 60-Tore-Marke scheint in naher Zukunft nicht unrealistisch.

Julian Rux ist Datenanalyst und Datenjournalist. Auf seinem Blog Handballytics.de analysiert er aus neuen, datenbasierten Blickwinkeln alle möglichen Themen rund um den Handball. Ihr findet ihn auch auf InstagramFacebook und Twitter.