29.03.2023  HBL

ÜberZahl – Die Zahlenkolumne: Rolf Brack und das „Sieben gegen Sechs“

Vergangene Woche verstarb völlig überraschend der langjährige LIQUI MOLY HBL-Trainer Dr. Rolf Brack. In der neuen Ausgabe von „ÜberZahl“ blickt Datenanalyst Julian Rux auf das Wirken des „Handball-Professors“ mit besonderem Fokus auf dessen taktisches Mittel, das „Sieben gegen Sechs“.

Kaum ein anderer Trainer hat den Handball in Deutschland so geprägt wie Rolf Brack und dies, obwohl er sportlich nie auf der großen internationalen Bühne oder zumindest an der Tabellenspitze der LIQUI MOLY HBL spielte. Doch durch seine taktisch innovativen Ansätze auf dem Feld, seinem Wirken als Ausbilder beim Deutschen Handballbund sowie der European Handball Federation neben dem Feld, beeinflusste er so gut wie jeden namhaften Trainer aus dem deutschsprachigen Raum und viele darüber hinaus.

Bracks Symbiose aus den Tätigkeiten als Trainer und Wissenschaftler als Privatdozent an der Universität Stuttgart sorgte für zahlreiche Innovationen. Beispielsweise experimentierte er mit drei Kreisläufern gleichzeitig auf das Feld. Oder praktizierte wie im Eishockey „Reihenwechsel“. Oder ließ in Balingen gerne mit der „jugoslawischen“ offensiv-aggressiven 3-2-1-Deckung verteidigen, was damals kein anderes Bundesliga-Team machte. Oder eben die Innovation, für die der promovierte und habilitierte Sportwissenschaftler am bekanntesten ist: „Das Sieben gegen Sechs“.

Der zusätzliche Feldspieler

Das Ersetzen des Torhüters durch einen zusätzlichen Feldspieler wurde zwar nicht von Brack erfunden, aber salonfähig gemacht. Erstmals wurde das „Sieben gegen Sechs“ vermutlich Ende der Siebziger- oder Anfang der Achtziger-Jahre als Antwort auf die zuvor erwähnte 3-2-1-Verteidigung eingesetzt. Brack selbst habe es, wie er 2016 gegenüber „Handball Inside“ erzählte, erstmals 1997 in der 2. HBL mit dem VfL Pfullingen eingesetzt.

Im Rahmen seiner Tätigkeit am Institut für Sport und Bewegungswissenschaft der Universität Stuttgart forschte er in den folgenden Jahren selbst wissenschaftlich zum Einsatz des zusätzlichen Feldspielers und betreute zahlreiche empirische Analysen in Form von Zulassungsarbeiten dazu. Gleichzeitig perfektionierte er als Trainer das taktische Mittel über die Jahre mit dem HBW Balingen-Weilstetten, wo er nach seiner Zeit in Pfullingen 2004 bis 2013 Trainer war. So wurden diese zu unbeugsamen Galliern von der Alb.

Die Zahlen, die im Rahmen der von Brack betreuten Zulassungsarbeiten erfasst wurden, bestätigen genau dies. So veröffentlichte Steffen Klett 2014 in seiner Bachelorarbeit „Taktische Innovation ‚7. Feldspieler‘ - numerische Überlegenheit als Erfolgsindikator im Handball?“ eine Zeitreihe aus dem Vergleich der Effizienz des HBW Balingen-Weilstetten unter Brack von 2008/09 bis zur Hinrunde 2013/14. Neben selbst erfassten Daten beruhte diese aus Zahlen weiterer wissenschaftlicher Arbeiten von A. Schramm (2012), S. Mayer (2012) und A. Trautmann (2014).

In der ersten betrachteten Spielzeit 2008/09 waren lediglich 40,4 % der Angriffe aus dem „Sieben gegen Sechs“ erfolgreich, während es im „Sechs gegen Sechs“-Positionsangriff 48,2 % waren. (Als Angriff werden hier sämtliche Abschlüsse und Ballverluste gezählt, unabhängig davon ob nach einem Fehlwurf die angreifende Mannschaft wieder in Ballbesitz kommt.) Ab dem folgenden Jahr war die Erfolgsquote mit zusätzlichem Feldspieler immer höher als ohne, ab 2010/11 stieg sie sogar jährlich deutlich an.

Ebenfalls bemerkenswert ist, dass die gesteigerte Effizienz mit gestiegener Häufigkeit einher geht. So wurde der siebte Feldspieler von Brack in der Saison 2008/09 noch lediglich 1,8-mal pro Spiel eingesetzt, waren es 2013/14 21,4-mal, also häufiger als das „Sechs gegen Sechs“.

Das erfolgreiche Spiel mit dem siebten Feldspieler konnte in der Saison 2013/14 jedoch nicht mehr über die sonstigen Effizienzprobleme des HBW hinweghelfen. Die Hinrunde beendeten sie auf dem 17. Tabellenplatz, weshalb sich die Schwaben nach achteinhalb Jahren von Brack trennten.

Veränderungen durch die neuen Regeln

Nach einem Engagement als Nationaltrainer der Schweiz kehrte Brack 2017 für ein Jahr als Trainer von FRISCH AUF! Göppingen sowie kurzzeitig 2020 (HC Erlangen) kurzzeitig zurück an die Seitenlinien „der stärksten Liga der Welt“. Was das Spiel mit dem zusätzlichen Feldspieler anging, hatte sich mittlerweile einiges geändert.

Während Bracks Zeit in Balingen musste noch der für den Torhüter ausgewechselte Spieler mit einem Leibchen gekennzeichnet werden und nur dieser Spieler durfte wieder zurückwechseln (oder musste selbst ins Tor). Mit Beginn der Saison 2016/17 wurde diese Regel geändert. Seither muss der zusätzliche Feldspieler nicht mehr gekennzeichnet werden und jeder Spieler darf mit dem Torhüter zurückwechseln.

Damit scheint sich auch der Grund für den Einsatz des „Sieben gegen Sechs“ verändert zu haben. Während es für Brack die Grundidee war, durch die Überzahlsituation die wirtschaftliche und daraus resultierende sportliche Unterlegenheit seiner Teams auszugleichen, waren es nun oftmals Top-Teams, die auf den siebten Feldspieler setzten.

So waren die Rhein-Neckar Löwen in ihrer zweiten Meistersaison 2016/17 das Team, das am fünfthäufigsten auf den siebten Feldspieler setzte, ein Jahr später führten sie das Ranking sogar vor Bracks Göppingern an. Dieser Trend hat sich bis heute gehalten: In der laufenden Spielzeit sowie in den vergangenen setzt kein anderes Team so viel und regelmäßig auf das „Sieben gegen Sechs“ wie der THW Kiel.

Trotzdem zeigten Datenanalysen gemischte Ergebnisse beim Effizienz-Vergleich zwischen dem „Sechs gegen Sechs“ und dem „Sieben gegen Sechs“. Einige haben ein leicht positives Ergebnis für das von Brack so oft eingesetzte taktische Mittel, andere nicht. Eine von Julian Bauer 2018 im Fachmagazin „Handballtraining“ veröffentlichte Analyse aller Angriffe aus den Spielzeiten 2016/17 und 2017/18 zeigte beispielsweise, dass in diesen Spielzeiten 47,5 % aller „Sechs gegen Sechs“-Positionsangriffe erfolgreich waren, während es im „Sieben gegen Sechs“ nur 46,6 % waren.

Diese Ergebnisse sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, da die Werte, die verglichen werden, nicht die komplett gleichen Voraussetzungen haben. Denn das „Sieben gegen Sechs“ wird hauptsächlich gegen stärkere einzuschätzende Gegner oder bei negativem Spielverlauf eingesetzt. Tatsächlich dürfte dann auch nur mit den Werten des „Sechs gegen Sechs“ aus solchen Situationen verglichen werden.

Die Zahlen aus Bracks Zeit in Balingen zeigen hingegen, dass der siebte Feldspieler durchaus ein effektives Mittel sein kann. Doch laut dem „Handball-Professor“ fehle bei vielen Teams die notwendige Implementierung im Training sowie regelmäßige Praxis im Spiel.

Die möglichen Gegentore auf das leere Tor ließ er nur aus Gründen des Drucks gegen das Ersetzen des Torhüters durch einen Feldspieler zu, nicht aus sportlichen. Denn „Empty Net“-Gegentore wirken demoralisierender auf Spieler und Zuschauer als „normale“ Gegentore, während die Erfolgswahrscheinlichkeit von Würfen auf das leere Tor, besonders von weit aus der eigenen Hälfte, nur wenig höher ist als von Gegenstößen mit Torhüter. Die Daten der Zulassungsarbeit von Klett zu den HBW-Spielen 2013/14 unter Brack zeigen beispielsweise, dass bei Empty-Net-Versuchen die Erfolgsquote bei 77,6 % lag, bei „normalen“ Gegenstößen bei 71,4 %. Auch in bei der Gesamtbetrachtung der Liga der vergangenen Jahre zeigen sich keine großen Unterschiede zu diesen Werten.

Auch in Zukunft dürfte das „Sieben gegen Sechs“ also weiterhin umstritten bleiben. Gleichzeitig wird es wohl – solange es keine Regeländerung gibt – für immer Teil des Handballs bleiben und für immer mit Rolf Brack in enger Verbindung stehen. Genauso wie sein Wirken durch seine Tätigkeiten als Trainer, Ausbilder, Dozent, Freund, Mentor und vieles mehr dem Handball noch lange erhalten bleiben wird.

Ruhe in Frieden, Rolf.

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