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60 Jahre HBL

60 Jahre HBL: Der Geniestreich des TBV Lemgo - die Erfindung der „Schnellen Mitte“

Dienstag, 7. April 2026

Foto: IMAGO / HochZwei

Der zweite Meistertitel des TBV Lemgo in der Saison 2002/03 basierte auf einer radikalen Version der „Schnellen Mitte“. Verantwortlich dafür: der Trainerneuling Volker Mudrow.

Am Anfang begegnete ihm noch Skepsis. „Jungs, ich habe da eine Idee“, sagte Volker Mudrow, der neue Trainer des TBV Lemgo, als die Vorbereitung auf die Saison 2002/03 startete. Solche Ideen hätten viele Trainer, sagt Christian Schwarzer, der seinerzeit als Kreisläufer in Lemgo spielte. Außerdem war Mudrow, damals 33 Jahre alt, ja noch ein Frischling im Trainerbusiness. Er hatte just mit Hameln den Abstieg nicht verhindern können.
Die Anführer im Team des TBV hingegen waren erfahrene Haudegen. Viele von ihnen waren just Vize-Europameister geworden, Daniel Stephan war 1998 als Welthandballer ausgezeichnet worden, Schwarzer hatte 2000 mit dem FC Barcelona die Champions League gewonnen. Sie hatten hohe Ansprüche an ihren Coach. Vorgänger Zbigniew Tluczynski hatte trotz des Pokalsieges im Frühjahr gehen müssen. Nun kam also dieses Greenhorn und wollte etwas Radikales, Neues. Aber gut, erinnert sich Schwarzer: „Wir haben erstmal zugehört.“
So begann der taktische Geniestreich der „Schnellen Mitte“, der dem TBV Lemgo im Jahr 2003 die zweite Deutsche Meisterschaft nach 1997 bescheren sollte. Er basierte auf einer Regeländerung im Sommer 2001, wonach der Wiederanwurf nach einem Gegentor schneller möglich wurde, weil der Anwerfer nicht mehr auf der Mittellinie stehen musste, sondern sie nur berühren musste. Vor allem aber durften die Mitspieler schon nach dem Anpfiff (und damit vor dem Anwurf) in die Hälfte des Gegners sprinten.
Schon der THW Kiel und auch TuSEM Essen hatten in der Vorsaison damit experimentiert. Mudrow aber radikalisierte dies nun und wollte den permanenten Tempogegenstoß nach Gegentreffern. „Gegentor = Ballgewinn“: So lautete, zugespitzt formuliert, das Motto. Dabei mussten die Keeper Christian Ramota und Jörg Zereike den Ball flugs zu Schwarzer bringen, der am Mittelkreis in der ersten Variante Volker Zerbe anspielte. „Und Zebu spielte dann meist Doppelpass mit Florian Kehrmann, und wenn er dann nicht frei war, stand ich schon frei am Kreis.“
In der zweiten Variante auf links erhielt Daniel Stephan den Ball und vollendete entweder mit Markus Baur oder dem Schweizer Marc Baumgartner. „Unser Vorteil war, dass wir viele spielintelligente Spieler in unseren Reihen hatten“, sagt Schwarzer. Die neue Taktik erfordere „Spieler, mit denen man taktisch gut arbeiten kann, enorme Ballsicherheit, ein exzellent eingespieltes Team und großes Selbstvertrauen“, erläuterte Mudrow Mitte Oktober 2002.
Da hatte der TBV gerade im Auswärtsspiel den VfL Gummersbach in der ersten Viertelstunde mit 10:2-Toren zerstört und stand nach acht Siegen in Folge an der Tabellenspitze. Getestet hatte der TBV dieses System bei einem Vorbereitungsturnier in Braunschweig, der Heimat Mudrows. „Da haben wir alle mit diesem hohen Tempo überlaufen“, erinnert sich Schwarzer. „Und dann haben wir die Schnelle Mitte auch in den Pflichtspielen angewandt.“
Volker Mudrow gibt seinen Spielern von der Seitenlinie eine klare Richtung vor. Foto: IMAGO/Kulich/DKA
So stürmten die Ostwestfalen durch die Bundesliga – und waren dabei selbst etwas irritiert, da sie in der Offensive kaum noch ins Positionsspiel kamen. „Da stehst Du auf dem Feld und überlegst, was da gerade passiert ist. Wir werfen 40 Tore und spielen kaum im Angriff“, erinnerte sich später Baur. Am Ende warfen Schwarzer & Co. insgesamt 1.158 Tore, über 34 Tore pro Spiel. Neuer Rekord.
Bis Weihnachten dauerte die Erfolgsserie, 17 Siege am Stück hatte bis dato noch kein Team geschafft. Erst am 29. Dezember 2002 verlor der TBV das erste Mal in Magdeburg. „Da haben wir beim 30:43 eine richtige Klatsche bekommen“, erinnert sich Schwarzer. Aber das sei zu großen Teilen selbst verschuldet gewesen, da jeder Profi individuell angereist sei. Viele hatten über Weihnachten ein paar Tage Urlaub genommen. „Das hatten wir mit Volker so vereinbart. Ich selbst war damals in den Bergen“, berichtet Schwarzer.
An der Überlegenheit und am taktischen Vorsprung änderte das nichts. Die Gegner fanden weiterhin keine Antwort auf die Schnelle Mitte. „Ich weiß noch, als nach unserem zweiten hohen Sieg gegen Pfullingen deren Trainer Rolf Brack erklärte, er wisse immer noch nicht, was wir da machen.“ Dabei war Brack, genannt der „Handball-Professor“, eine taktische Legende. Und so dominierte das Mudrow-Team auch im Frühjahr 2003 die Liga. „Bevor die Gegner ein Gegenmittel entwickelt hatten, waren wir Deutscher Meister“, juxt Schwarzer über den Geniestreich, der in die Handballgeschichte einging.
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