60 Jahre HBL
60 Jahre HBL: SC Magdeburg – Der Leuchtturm des Ostens

Ausgelassene Meisterfeier 2001 | Foto: Imago
Nach den turbulenten Wendejahren 1989/90 hielt der SC Magdeburg als einziger ostdeutscher Traditionsclub sein Topniveau. Bis heute dient der Verein, der 2001 seine erste gesamtdeutsche Meisterschaft feierte, den Fans als Projektionsfläche.
Die Fans zählten die Sekunden herunter. Und als am 20. Mai 2001 der SC Magdeburg mit dem 30:23-Sieg die SG Flensburg-Handewitt besiegt und das Team von Trainer Alfred Gislason die erste gesamtdeutsche Meisterschaft perfekt gemacht hatte, ging die Schlusssirene im Jubel der Menge unter. „Wir haben Einmaliges geschafft“, blickte später Stefan Kretzschmar auf diese Zeit zurück, die er selbst als Linksaußen mitgeprägt hatte.
Der Traditionsverein hatte bereits die DDR-Oberliga dominiert und Handball-Heroen wie Wieland Schmidt, Gunnar Dreibrodt und Ingolf Wiegert hervorgebracht. Und doch war dieser Titel – ebenso der 2002 folgende Triumph in der Champions League – eine sporthistorische Großtat. „Der SCM war die erste ostdeutsche Mannschaft in einer Spielsportart, die nach der Wende ganz oben stand“, resümiert Kretzschmar, der mit seiner Herkunft ebenfalls als Identifikationsfigur diente: „Der ganze Osten kam nach Magdeburg, um Handball zu sehen.“
Dabei war es keineswegs selbstverständlich, dass der Leuchtturm des Ostens auch im gesamtdeutschen Handball strahlen würde. Angesichts des enormen Aderlasses in den Monaten nach dem Mauerfall im November 1989 befürchtete der Deutsche Handballbund, der ostdeutsche Handball würde ausbluten.
Tatsächlich stürzte diese Phase viele ostdeutsche Sportclubs in den Ruin. Weshalb der Dachverband in der Saison 1991/92, in der die Ligen Ost und West vereinigt wurde, mit Burkhard Windorf einen Marketingexperten an die Elbe sandte. „Die Initiative ging vom späteren DHB-Präsidenten Bernd Steinhauser aus“, erzählt Windorf.
Zur entscheidenden Figur in dieser turbulenten Phase aber avancierte Bernd-Uwe Hildebrandt, ein ehemaliger Leistungsruderer, der nach eigenen Angaben in einer Phase übernahm, „als niemand mehr da war“. BU, wie er nur gerufen wurde, pflegte weiter die Netzwerke und setzte auf einen Sponsoren-Pool aus dem Mittelstand. „Wir wollten auf keinen Fall nur von einem Hauptsponsor abhängig sein“, betonte Hildebrandt 1992. Zugleich bediente er sich auch recht unorthodoxer Methoden: Einmal handelte er für den Transfer dreier litauischer Profis als Ablösesumme eine Kegelbahn aus.
Sein Klub habe einen Vorteil daraus gezogen, im DDR-Sportsystem an der Peripherie agiert zu haben, sagt Hildebrand, weshalb Spitzenfunktionäre wie Manfred Ewald ihn kaum beachteten. „Wenn wir nach Berlin kamen in die Zentrale des Deutschen Turn- und Sportbundes, dann sagte Ewald: Was wollt Ihr denn schon wieder, Ihr Rübenköppe?“ Doch zog der SCM einen Gewinn aus der vorhandenen Infrastruktur am Ort, etwa aus dem Sportinternat.
Vor allem aber profitierte der SCM auch nach der Wende von seiner famosen Zuschauerbasis: Bis heute gelten die Magdeburger Fans als besonders leidenschaftlich. Ein großer Meilenstein war der 1997 erfolgte Umzug von der mythischen Hermann-Gieseler-Halle in die Bördelandhalle, der 1996 ein umjubelter DHB-Pokaltriumph vorausgegangen war. Mit knapp 7.000 Fans bei den Heimspielen konnte Hildebrandt nun Stars wie Kretzschmar, Guéric Kervadec, Oleg Kuleschow oder Olafur Stefansson anlocken, welche die große Ära um die Jahrtausendwende personifizieren.
Irgendwann verhedderte sich Hildebrandt, der auch als Ligapräsident amtierte, allerdings in dem komplizierten Geflecht, weshalb der SCM 2007 in eine finanzielle Krise stürzte. Mit Schulden in Höhe von 2,5 Millionen Euro sei der Verein „faktisch insolvent“ gewesen, erklärte später der Bankkaufmann Marc-Henrik Schmedt, der daraufhin den Traditionsclub sanierte – und 2015 mit dem Vorschlag, den Magdeburger „local hero“ Bennet Wiegert zum Cheftrainer zu beordern, eine spektakuläre Renaissance des Vereins einleitete.
Bennet Wiegert führt den SC Magdeburg nach 21 Jahren zurück an die Spitze der Handball-Bundesliga und erhält verdient die Auszeichnung zum "Trainer der Saison 2021/22". Foto: Popova
Unter Wiegert, der später auch zum Sport-Geschäftsführer befördert wurde, gewann der Verein nicht nur 2016 den DHB-Pokal. Der Trainer revolutionierte zugleich die Sportart mit seiner Strategie, auf Durchbrüche zu setzen und so die Torquoten zu erhöhen. Drei Titel bei der Klub-Weltmeisterschaft (2021-2023), Siege in der Champions League (2023, 2025) und in der Europa League (2021) sowie ein weiterer Pokaltriumph (2024) und zwei weitere Deutsche Meisterschaften (2022, 2024) stehen inzwischen auf dem Briefpapier des SCM.
Der Leuchtturm des Ostens, dem die Fans auch in schwierigen Zeiten stets die Treue gehalten haben, leuchtet also heller denn je.













