60 Jahre HBL
60 Jahre HBL: „One-Hit-Wonder“ nach der Wiedervereinigung - Ein spezielles Stück Geschichte

Trainergespann des BSV Stahl Brandenburg - Gerhard Wartenberg und Helmut Enno Röder, Foto: Bergmann
Die Saison 1991/92, in der die Ligen in Ost und West vereinigt wurden, produzierte „One-Hit-Wonder“ in der HBL wie Stahl Brandenburg. Nie punktete ein Bundesligateam weniger. Die damaligen Spieler sind bis heute einander verbunden.
Die Saison 1991/92, in der die Ligen in Ost und West vereinigt wurde, produzierte „One-Hit-Wonder“ in der HBL wie Stahl Brandenburg. Nie punktete ein Bundesligateam weniger. Die damaligen Spieler sind bis heute einander verbunden.
Die Männer, die einst mit Stahl Brandenburg unfreiwillig Handballgeschichte schrieben, sind noch immer miteinander verbunden. „Wir haben uns grad im Sommer wieder getroffen“, erzählt Dietmar Baus. Grillen auf einem wunderschönen See-Grundstück eines damaligen Sponsors, in Wusterwitz bei Brandenburg. Jährlich gebe es dieses schöne Beisammensein, sagt Baus, viele kämen regelmäßig, darunter die Brüder Ralf und Günter Krücken und Torwart Matze Junge. „Das ist so Tradition geworden.“
Bei Bratwurst und Kotelett kamen also wieder die Erinnerungen hoch an jene Saison 1991/92, in der sie in der höchsten Klasse spielten – und dabei so schlecht abschnitten wie kein anderer Verein in der nun 60jährigen Geschichte der Bundesliga. Einen Sieg (gegen Frankfurt/Oder) feierten sie damals, hinzu kam ein Remis gegen TuRu Düsseldorf. Drei Punkte. Damit steht Stahl Brandenburg am Ende der „ewigen Tabelle“ der Liga.
Der Rekord der besonderen Art drohte im Frühjahr 2025 verloren zu gehen, aber der 1. VfL Potsdam sammelte dann doch noch sechs Zähler. War er froh darüber? Ach, sagt Baus, einerseits könne er ja an dieser Statistik nichts ändern. Aber so ganz egal sei ihm das dann doch nicht. „Das ist eben auch ein Stück Geschichte.“ Letzter ist, in diesem speziellen Fall, dann doch besser als Vorletzter.
Die Serie 1991/92, die Baus damals mit Stahl spielte, war in vielerlei Hinsicht historisch. Damals wurde, eine Folge der Wende von 1989, der Ligahandball in Ost und West wiedervereinigt, 28 Teams kämpften in Nord- und Südstaffel um die 16 freien Plätze der folgenden eingleisigen Bundesliga (hinzu kamen zwei Aufsteiger). „Das Ganze war finanziell und sportlich ein großes Abenteuer“, sagt der damalige Co-Trainer Gerhard Wartenberg. „Ich weiß noch, wie uns die vollbesetzte Halle in Kiel erschlagen hat.“
Baus denkt trotz der vielen Niederlagen gern an diese Zeit zurück. Zumal er mit 80 Toren damals bester Schütze des Teams war, obwohl ihn ab Spätherbst ein Meniskusriss („Ich war eigentlich Sportinvalide“) behinderte. Außerdem, sagt er, „war uns bewusst, dass dieses Jahr eigentlich nur eine Zwischenstation sein kann. Also das war eigentlich nicht von vornherein unser Plan, dass wir uns mit Brandenburg in der ersten Bundesliga etablieren.“
Finanziell und sportlich konnten die meisten ostdeutschen Vereine, abgesehen vom SC Magdeburg, nicht mithalten. Längst waren die meisten Stars des DDR-Handballs in den Westen abgewandert. „Wir konnte da nicht mitgehen“, sagt Wartenberg. Einen enormen Aderlass musste auch Preußen Berlin verkraften, der Nachfolgeverein des Stasi-Klubs SC Dynamo: Stephan Hauck, Stephan Lache und Jörg Sonnefeld waren im Sommer 1991 nach Hameln gewechselt.
Daraufhin schloss sich das restliche Team dem Zweitligisten BW Spandau an und brachte neben der Lizenz für die Bundesliga immerhin 400.000 D-Mark als Mitgift mit. Trotz der Verpflichtung des Olympiasiegers von 1988, Juri Schewzow, scheiterten die Berliner schließlich hauchdünn an Platz Acht, der für die Bundesliga gereicht hätte. Ein Pünktchen fehlte.
Mitbringsel des Stasi-Klubs war seinerzeit ein gewisser Stefan Kretzschmar, der als 18-Jähriger in der Bundesliga debütierte – aber fast nur auf der Bank saß. Stattdessen spielte Uwe Hennig, ein laut Kretzschmars Autobiografie mittelmäßiger Handballer. Aber „seine größte Stärke und sein großes Plus im internen Konkurrenzkampf mit mir war aber die Tatsache, dass sein Vater im Aufsichtsrat des Vereins saß.“ Als Siebenmeterschütze erzielte der Teenager dennoch die meisten Tore für Spandau.
Die Schmerzen im Vereinigungsprozess seien damals auch im Verein sichtbar geworden, erinnert sich Kretzschmar. Der ostdeutsche Trainer sei vom westdeutschen Mäzen wie ein Sklave behandelt worden. Kretzschmar konnte sich indes schnell mit den Gesetzen der Marktwirtschaft anfreunden und wurde, nachdem er 1993 zum VfL Gummersbach wechselte, zu einem der größten Stars der Bundesliga.
Die meisten ostdeutschen Klubs aber verschwanden nach 1992 in der Versenkung. Auch EHV Wismut Aue, der SC Leipzig, der Suhl, Dessau, Cottbus und Frankfurt/Oder blieben ein „One-Hit-Wonder“ in der Bundesliga-Geschichte. So wie auch Stahl Brandenburg. Nur dass sie heute nicht so prominent sind wie das Schlusslicht der ewigen Bundesligatabelle.














