HBL
Michael Allendorf: „Das Hessen-Derby ist immer etwas Besonderes, egal, wie der Tabellenstand ist“

Foto: Guenther
Vor drei Wochen stellte die HSG Wetzlar ihren neuen Geschäftsführer Sport vor – und es ist ein alter Bekannter: Michael Allendorf. Am Sonntag (16:30 Uhr, live bei Dyn) geht es für ihn in neuer Funktion erstmals gegen die MT Melsungen, jenen Verein, für den er zuvor 15 Jahre als Spieler und Vorstand aktiv war.
Vier Jahre als Spieler der HSG Wetzlar, zwölf Jahre im Trikot der MT Melsungen, von 2022 bis Oktober 2025 Sportdirektor und Vorstand Sport in Melsungen, seit drei Wochen Geschäftsführer Sport in Wetzlar – kaum jemand hat mehr Hessenderbys in verschiedensten Rollen erlebt als Michael Allendorf. Am Sonntag (16.30 Uhr, live bei Dyn) steht das erste Duell seines neuen Clubs gegen seinen vorherigen Arbeitgeber an. „Ein Erfolgserlebnis mit zwei Punkten in diesem Spiel wäre in unserer aktuellen Situation herausragend und sensationell“, sagt der 39-Jährige: „Wir werden alles versuchen, die Punkte in Wetzlar zu halten.“
Die HSG ist mit 8:38 Punkten Tabellenletzter, die MT Melsungen mit 26:20 Zählern auf Platz acht. „Das ist vielleicht nicht das größte Derby der Welt, bedeutet den Fans aber natürlich unglaublich viel und das Derby ist immer etwas Besonderes, egal, wie der Tabellenstand beider Mannschaften ist“, sagt der frühere Linksaußen, der Hessen in seiner Karriere nie verlassen hat: Geboren in Heppenheim, spielte er im Nachwuchs und den ersten beiden Bundesligajahren für die SG Wallau-Massenheim, ehe er im Alter von 20 Jahren nach Wetzlar wechselte. Dass die Derbys immer für besondere Erfahrungen gut sind, erlebte er als Spieler und Vorstand mit Melsungen: „Wir haben in der Saison 2023/2024 alle Heimspiele gewonnen, fast alle – denn die einzige Ausnahme war die Heimniederlage gegen Wetzlar.“
Angesichts der Tabellensituation braucht die HSG jeden Punkt, dennoch warnt Allendorf vor überzogenen Erwartungen: „Wenn wir gegen Melsungen gewinnen, haben wir nicht automatisch den Klassenerhalt geschafft. Und wenn wir verlieren, sind wir noch nicht abgestiegen. Egal, wie das Derby ausgeht, müssen wir in den restlichen Spielen noch nachlegen, um die Klasse zu halten.“ Auch der Blick auf die Konkurrenz, die am vergangenen Spieltag eifrig punktete, lenkt Allendorf nicht ab: „Wir müssen unsere Hausaufgaben machen und unsere Spiele gewinnen.“
Einer, der mit dem neuen Geschäftsführer Sport der Mittelhessen gemeinsam verpflichtet wurde, ist der schwedische Torwart Andreas Palicka. Auf ihn hält Allendorf große Stücke: „Er ist aufgrund seiner Erfahrung unglaublich wichtig für unser Team. Andreas hat alles im Handball erlebt und alles gewonnen. Zudem ist er jemand, der die Mannschaft mit seiner Leistung mitreißen kann. Wenn er am Sonntag 24 Bälle hält, gewinnen wir auch gegen Melsungen, das ist klar.“
Zu seinem früheren Arbeitgeber hat Allendorf immer noch sehr gute Kontakte: „Verständlich, nach 15 Jahren im Verein. Ich habe dieses Team zusammengestellt, daher ist der Kontakt zu den Spielern auch noch sehr eng. Und genau diesen Spielern drücke ich auch für fast alle Partien immer noch die Daumen – außer am Sonntag natürlich.“

Michael Allendorf (li.) und Kreisläufer Adrian Sipos - damals noch gemeinsam für die MT Melsungen im Einsatz. Foto: Kaesler
Nachdem er im Oktober 2025 bei der MT freigestellt wurde, hat Allendorf den Bundesligahandball weiterhin intensiv verfolgt, auch die Entwicklung bei seinem Ex-Club aus Wetzlar. Nach ersten Kontakten folgten intensivere Gespräche, vor allem mit Geschäftsführer Björn Seipp. „Die HSG hat sich sehr um mich bemüht, ich habe mir alle Spiele dieser Saison sehr intensiv angeschaut und dann meine Entscheidung getroffen. Jetzt bin ich sehr froh, dass es geklappt hat“, sagt Allendorf.
Zwar sei kein Spieler mehr dabei, der mit ihm für die HSG auf der Platte stand, aber im Umfeld des Vereins gibt es viele bekannte Gesichter. „Als Spieler habe ich in der Einliegerwohnung von Geschäftsstelleleiterin Ruth Klimpke gelebt, und mit den kleinen Jungs Till und Ole im Garten Fußball gespielt. Da konnte noch keiner ahnen, dass sie auch mal Handballprofis werden“, blickt Allendorf zurück. Die aktuellen HSG-Spieler kennt er natürlich auch alle – erstens sei Melsungen ja nicht so weit entfernt und zweitens habe er in seinem vorherigen Job auch die Wetzlarer Partien intensiv verfolgt.
Trotz der misslichen Tabellensituation habe er von Anfang an eine positive Grundstimmung in Wetzlar erlebt, egal, ob bei Spielern, Trainerstab oder im direkten Umfeld. „Ich hatte gleich nach den ersten Treffen ein sehr gutes Gefühl, das hat sich in den Einzelgesprächen noch verstärkt. Ich versuche seither herauszufinden, was klemmt, wo es Probleme gibt. Handball ist ein Sport, in dem sich viel im Kopf entscheidet, gerade wenn du im Abstiegskampf bist. Da geht es um die mentale Stärke, darum, wie du mit Drucksituationen umgehst.“ Wie es laufen kann, habe das Heimspiel gegen Eisenach im Dezember gezeigt. „Nach dem Sieg war das Selbstvertrauen da. Danach haben wir lange beim Überraschungsteam und damaligen Tabellendritten aus Lemgo mitgehalten. Das sah gut aus, leider gab es keine Punkte. Aber so müssen wir auftreten, wir brauchen einfach mal ein Erfolgserlebnis.“
Gleichzeitig will Allendorf die Erwartungen an seine Person etwas dämpfen: „Als Spieler oder Trainer kannst du schnell etwas verändern, in meiner Funktion geht das nicht, da stehen langfristige Entwicklungen im Vordergrund.“
Dazu gehört auch die Kaderplanung für die kommende Saison – zweigleisig für 1. und 2. Liga. „Wir wären blauäugig, wenn wir uns nicht mit einem möglichen Abstieg befassen würden. Aber ich bin hundertprozentig überzeugt, dass wir den Klassenerhalt aus eigener Kraft schaffen. Sonst hätte ich mich nicht aktiv für diesen Job entschieden. Der Verein ist absolut professionell geführt, hier hat man alle Voraussetzungen für die Bundesliga geschaffen. Wir sind in einer handballverrückten Region und wir haben mit den Mittelhessen Youngsters auch den nötigen Unterbau. Eines meiner langfristigen Ziele ist natürlich, wieder Bundesligaspieler aus der Region, aus dem eigenen Nachwuchs, aufzubauen. Beispiele dafür gibt es ja genug.“ Mit zweien spielte er schließlich im Garten Fußball.













